Matthias Kachel: Soziale Arbeit – ein politischer Beruf?!

In der Soziarbeitstheorie wird viel über den politischen Gehalt der Sozialen Arbeit gesprochen – doch wie erleben Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ihre Praxis? Matthias Kachel hat in seiner Masterarbeit Haltungen und Meinungen von Vertretern aus Studium und Praxis in einem qualitativen Forschungsprozess analysiert.

Soziale Arbeit, so sind sich Theorie und Praxis einig, ist eine Menschenrechtsprofession. SozialarbeiterInnen unterstützen ihre Klientinnen und Klienten dabei, sich selbst und ihr Umfeld zu ermächtigen, zu verändern und sich für ihre Bedürfnisse und Rechte einzusetzen.

Soweit die Theorie. Doch manchmal ist Soziale Arbeit schon eine sehr widersprüchliche Profession. In ihren Arbeitsfeldern arbeiten hunderttausende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter – ihr Berufsverband hat allerdings nur 6000 Mitglieder. Ihre Mitglieder arbeiten am Empowerment, der Selbstermächtigung ihrer Klientinnen und Klientinnen – und fühlen sich oft selbst machtlos. Per Gesetz sind Vertreterinnen und Vertreter in vielen unterschiedlichen politischen Kontexten vertreten – und ihre Theoretikerinnen und Theoretiker streiten über ihren Politikgehalt. In der Soziarbeitstheorie wird viel über den politischen Gehalt der Sozialen Arbeit gesprochen – doch wie erleben Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter den politischen Gehalt ihrer Praxis?

Tatsächlich fand ich bei meinen ersten Recherchen für diese Masterarbeit ausschließlich Beiträge zum Thema, die aus einer sozialarbeitswissenschaftlichen und damit eher theoretischen Perspektive argumentierten. Aussagen von praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern fand ich leider überhaupt nicht.

Dafür fand ich einige Unklarheiten im wissenschaftlichen Diskurs: Letztendlich lassen sich im wissenschaftlichen Diskurs der Sozialen Arbeit zwei Lager in Bezug auf ein politisches Mandat der Profession und der Berufsausübung ausmachen. Eines vertritt die Auffassung, dass politisches und sozialarbeiterisches Handeln nicht voneinander trennbar sei, da professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit – nach den Sozialarbeitswissenschaftlern Simon Güntner und Andreas Langer – zwangsläufig politische Relevanz hat.[1] Soziale Arbeit könne also gar nicht unpolitisch sein. Und wie bereits erwähnt sieht Sylvia Staub-Bernasconi Soziale Arbeit als eine Menschenrechtsprofession, deren Aufgabe es ist, soziale Missstände zu benennen und ihren Klientinnen und Klienten zur Erlangung und Ausübung ihrer garantierten Rechte zu verhelfen – ebenfalls ein klares Bekenntnis zu einer direkten politischen Dimension der Profession.[2]

Das andere Lager ist der Auffassung, Soziale Arbeit habe kein ihr eigenes politisches Mandat. Die britischen Sozialarbeitstheoretiker Holman und Meyer sind sogar der Ansicht, dass Soziale Arbeit im Vergleich zu anderen Professionen „klein, schwach und ohnmächtig“ sei und somit keinen Beitrag zum sozialen Wandel leisten könne und es dementsprechend auch nicht solle.[3] Ronald Lutz, Professor an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Erfurt, ist ebenfalls der Meinung, dass Soziale Arbeit keine Arbeit am Umbau gesellschaftlicher Verhältnisse und Strukturen sei. Stattdessen sei es lediglich ihre Aufgabe, die Folgen gesellschaftlicher Widersprüche abzumildern und Menschen einzelfallorientiert dazu zu verhelfen, wieder sie selbst zu sein.[4]

Beide Lager sind jedoch der Überzeugung, dass sich Soziale Arbeit in politische Prozesse „einmischen“ müsse. Es wird jedoch nie genau definiert, was eigentlich mit Einmischung gemeint sei – zumal ja Vertreterinnen und Vertreter der Profession und der Träger Sozialer Arbeit durchaus in politische Prozesse eingebunden sind, beispielsweise in Gremien wie Jugendhilfeausschüssen, in Stadträten und als Expertinnen und Experten gegenüber gesetzgebenden Gremien. Das Wort Einmischung impliziert jedoch, dass man sich als bisher Unbeteiligte Einheit in bereits laufende und bestehende Prozesse einklinken müsse – und das ist im Hinblick auf die Einbindung der Sozialen Arbeit definitiv nicht der Fall.

Einige meiner Lieblingsvorlesungen im Bachelor Soziale Arbeit waren solche, die eigentlich relativ wenig Inhalt von Seiten der Dozierenden mitbrachten und sich stattdessen auf die Themen und Inhalte konzentrierten, die Studentinnen und Studenten einbrachten – aus ihrer eigenen Praxis, ihrem Alltag oder aus dem aktuellen politischen Geschehen. Doch gerade in diesen Diskussionen nahm ich bei meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen meistens eher genervtes Augenrollen als Bereitschaft zur Beteiligung am Gespräch wahr. Zudem fiel mir auf, dass sich oft dieselben, wenigen Studierenden in solche Diskussionen einbrachten. Doch in meiner Wahrnehmung waren es eben genau diese Diskussionsbeiträge, angereichert mit Praxiserfahrung und persönlicher Meinung, die ebenfalls in den Fokus genommen werden sollten. Da diese eben – soweit ich es wahrnehmen konnte – bisher nicht in der Wissenschaft vorhanden waren, entschloss ich mich, in meiner Masterarbeit genau diese Stimmen einzufangen und sie in den wissenschaftlichen Diskurs der Sozialen Arbeit einzubetten.

Also entschloss ich mich, in meiner Masterarbeit Gruppendiskussionen mit Studierenden der Sozialen Arbeit und mit praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern zu führen. Mit Gruppendiskussionen lassen sich – anders als über quantitative Methoden oder Einzelinterviews – subjektive Bedeutungsstrukturen erkennen, die nur im sozialen Kontext, also in Gruppen, ihren Ausdruck finden. In Gruppendiskursen können kollektive Einstellungen und Haltungen eher ermittelt werden als es in Einzelkontexten der Fall ist – zum einen, weil sich in diesen Gruppen „Gleichgesinnte“ zusammenfinden können, zum anderen, weil sich aus dem Diskurs heraus Haltungen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer normalerweise für sich behalten würden, ebenfalls herausarbeiten lassen.[5]

Vor der Durchführung der Gruppendiskussionen stellte ich drei Vorannahmen auf, die ich mit den Analyseergebnissen der Gruppendiskussionen entweder belegen oder entkräften wollte:

  1. Studierende der Sozialen Arbeit beteiligen sich nicht oder ungern an politischen Diskussionen, weil ihnen politische Sprachfähigkeit fehlt beziehungsweise weil sie der Ansicht sind, dass ihnen das Handwerkszeug (Informationen, Terminologie, Erfahrung) fehlt, um sich beteiligen zu können.
  2. Studierenden der Sozialen Arbeit und „frisch abgeschlossenen“ praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern fehlt die Wahrnehmung für die politische Dimension ihres professionellen Handelns.
  3. Praktizierende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter nehmen die politische Dimension ihrer Arbeit durchaus wahr, können aber aus verschiedenen Gründen (Zeitperspektive, Arbeitslast, persönliche Disposition) nicht danach handeln.

Es ergaben sich auf meine Einladung insgesamt vier Gruppendiskussionen, zwei mit Studierenden der Sozialen Arbeit ab dem fünften Semester und zwei mit praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die seit wenigstens fünf Jahren im Beruf stehen. Insgesamt meldeten sich über 30 Interessierte zurück, von denen 24 zu den Diskussionen eingeladen wurden. Von diesen 24 Eingeladenen diskutierten am Ende 17 tatsächliche Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu den von mir aufgestellten Leitfragen.

Da es zu großer Aufwand gewesen wäre, vier ein- bis eineinhalbstündige Gruppendiskussionen komplett zu analysieren und interpretieren, wählte ich die Analysemethode der kategoriengeleiteten Inhaltsanalyse. Dabei werden thematische Schwerpunkte, die sich in allen zu analysierenden Materialien wiederfinden, herausgegriffen, gemeinsam analysiert und verglichen. Infolge der Analyse ließen sich so die folgenden sechs Kategorien herausarbeiten, die in allen Diskussionen auffindbar waren:

„Soziale Arbeit mit dem Rücken zur Wand“

Hier wurde die enge Zeitperspektive vieler Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit herausgestellt. Gerade die Studierenden und jüngeren Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter äußerten, dass es für sie schwierig sei, bei einer hohen Auslastung mit Klientinnen und Klienten und der dazugehörigen Verwaltungsarbeit die politische Dimension der Sozialen Arbeit und die Möglichkeiten politischen Arbeitens im Blick zu behalten. Gerade ältere, aktive Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter bestätigten, dass es bei ihnen eine Vermehrung an Aufgaben bei gleichbleibenden Zeitressourcen gegeben habe und dass es in dieser Situation schwieriger geworden sei, an übergreifende Themen zu denken.

Empowerment der Empowernden

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter empowern in ihrer Praxis viele ihrer Klientinnen und Klienten, doch das eigene Empowerment, die eigene, persönliche und professionelle Sicherheit sehen viele der jüngeren Diskutierenden nicht gewährleistet. Dazu gehört beispielsweise auch, über die eigenen Rechte und politischen Möglichkeiten Bescheid zu wissen, die Möglichkeit zu haben, professionell und ethisch richtig zu handeln und gleichzeitig nicht Angst um den Verlust der eigenen Stelle haben zu müssen, wenn man dann etwas tut, das sich gegen die Praxis des Trägers richtet. Die praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter stellten dar, dass sie sich zum einen durch eine Teilnahme bei den Streiks der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter im Jahr 2015, durch ihre Mitgliedschaft im Berufsverband, des DBSH oder durch die eigene gesammelte Erfahrung bestärkt in ihrem Tun fühlten.

Berufsverband

Gerade die jüngeren Teilnehmenden äußerten, dass sie den DBSH, den Deutschen Berufsverband Soziale Arbeit e.V., nicht genügend kennen würden und auch nicht wahrnähmen, was er tun würde beziehungsweise getan hätte – teilweise kritisieren sie in Kombination mit dieser Wahrnehmung seine vermeintliche Inaktivität, teilweise versuchen sie Positionen zu rekonstruieren, von denen sie gehört haben – beispielsweise die Berufsethik der Sozialen Arbeit, die vom DBSH verabschiedet wurde, bei der jedoch in der Diskussion nicht geklärt werden kann, ob sie jetzt allgemeingültig ist, beziehungsweise ob sie überhaupt wirklich existiert.

Reaktionen auf die Position der National Association of Social Workers

In einer der letzten Leitfragen der Gruppendiskussionen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den „Imperatives of Social Work“ der amerikanischen National Association of Social Work, des amerikanischen Berufsverbands, konfrontiert. Diese Forderungen an die Soziale Arbeit, sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen, fand gerade bei den Studierenden großen Anklang – hier wurden Wünsche geäußert, dass doch der eigene Berufsverband ähnliche Äußerungen treffen könnte – und dass man nach diesen Äußerungen den amerikanischen Verband nun besser kennen würde als den deutschen.

Soziale Arbeit und Macht

In den Gruppendiskussionen wurde auch die Frage nach der Möglichkeit der Machtausübung beziehungsweise der Verortung von Macht in der Sozialen Arbeit diskutiert. Die jüngeren und Studierenden orientierten sich eher an Gewerkschaften wie der GDL, der Gewerkschaft Deutscher Lokführer und ihrer Streiks. Hier wurde in den Diskussionen die Idee geäußert, ähnlich radikal vorzugehen und die eigene Macht beispielsweise durch temporäre Schließung der Einrichtungen zu demonstrieren und so Veränderungen in den beruflichen Bedingungen der Sozialen Arbeit zu erzwingen. Dabei wurde allerdings auch die ethischen Schwierigkeiten mit diesen Methoden bedacht. Ein interessanter Aspekt der bei den praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern geäußert wurde, war die Verortung der Macht der Sozialen Arbeit in ihrer Expertise – also dass es eben die Fähigkeit, Zusammenhänge zu verstehen und menschenrechtsbezogene Äußerungen zu treffen ist, die der Sozialen Arbeit ihre Macht verleiht. 

„Alles ist politisch“

Hier war es ein Anliegen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, zu definieren, was denn eigentlich politisches Handeln ist – dabei setzt sich bei den Studierenden die Erkenntnis durch, dass politisches Handeln keinesfalls nur die Mitarbeit in Parteien und politischen Gremien bedeutet. Es ist eben auch in Vereinen, NGOs und eben auch im sozialarbeiterischen Handeln, im Empowerment der Klientinnen und Klienten, in deren Ermächtigung dazu, sich für sich selbst einzusetzen beheimatet. Bei den praktizierenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern wird wiederum noch eine Ebene tiefer angesetzt – in Anlehnung an das Brechtzitat heißt es bei Ihnen: „Alles ist politisch“ – dem könne man sich weder als Bürger noch als Sozialarbeiter entziehen.

Nun wäre es natürlich einfach zu sagen, dass aufgrund dieser letzten Kategorie sowieso alle Lebensbereiche politisch seien und es somit nicht erheblich, ob die Soziale Arbeit aus sich heraus oder aufgrund fremden Zutuns ein politisches Mandat habe. Gerade weil alle Handlungen des Menschen politische Dimension haben bzw. haben können, müssen sich Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter – so auch die Sozialarbeitstheoretikerin Tilly Miller – dieser politischen Dimension und der Abhängigkeit der Sozialen Arbeit von Politik, Macht und Geld bewusstwerden und ihnen entsprechend handeln.

Zudem gibt es in Studium, Praxis und Berufsvertretung der Sozialen Arbeit Im Studium noch Möglichkeiten, diese politische Dimension und die Möglichkeit, sie wahrzunehmen, zu verbessern und verstetigen. Im Studium der Sozialen Arbeit könnte zum einen bereits im ersten Drittel des Studiums die Gelegenheit gegeben werden, politischen Diskurs zu halten und politisch zu Handeln – auch mit der Option, tatsächlich politisch aktiv zu werden, beispielsweise über eine Kampagne. Dazu muss auch die Hemmschwelle für die Beteiligten an politischen Diskussionen gesenkt werden. Studierende sollten auch wahrnehmen (können), dass ihr Studium ein Ort des Ausprobierens, Lernens und Einübens von politischem Handwerkszeug ist.

Der DBSH benötigt als kleiner, aber wichtiger Berufsverband eine höhere Sichtbarkeit – dies könnte durch einen verstärkten Fokus auf die Hochschulen und die Information von und den Austausch mit Studierenden geschehen. Die Vorteile einer Mitgliedschaft im DBSH – auch im Vergleich zu anderen Gewerkschaften, in denen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter vertreten sind – muss knapp und klar vermittelt werden können. Und zu guter Letzt ist es für den DBSH notwendig, weiter zu wachsen – um mit den dazugewonnenen Mitgliedsbeiträgen eine Hauptberuflichenstruktur schaffen zu können, welche die bisherige allein ehrenamtlich getragene Arbeit unterstützen könnte.

Zum Schluss ist es für die Arbeitsfelder, Arbeitgeber und Träger der Sozialen Arbeit wichtig, ihren Mitarbeitern gegenüber ihre internen politischen Entscheidungen und ihre Beteiligung an kommunalen Entwicklungen transparent darzustellen. Soweit möglich wäre es auch sinnvoll, Partizipation in Bezug auf strategische und politische Entscheidungen im Verband zu ermöglichen – wie es beispielsweise in der Jugendverbandsarbeit der Fall ist.

Anmerkungen

  • 1 Güntner, Simon (2014): Sozialarbeitspolitik zwischen Professionspolitik und Gesellschaftsgestaltung. In: Benjamin Benz (Hrsg.): Akteure, Handlungsfelder und Methoden. Weinheim: Beltz-Juventa, 239.
  • 2 Staub-Bernasconi, Silvia (2003): Soziale Arbeit als (eine) „Menschenrechtsprofession“, In: Sorg, Richard (Hg.): Soziale Arbeit zwischen Politik und Wissenschaft. Münster: LIT.
  • 3 Ebd., 17.
  • 4 Lutz, Ronald (2011): Das Mandat der Sozialen Arbeit. 1. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 22.
  • 5 Mayring, Philipp (2002): Einführung in die Qualitative Sozialforschung, Weinheim und Basel: Beltz Studium, 77.

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